
Materialreiche Schilderung - Zu Beginn ihrer materialreiche Beschreibung des sowjetischen GULag-Systems konfrontiert Anne Applebaum sich selbst und die Leser mit dem Faktum, daß trotz millionenfacher Verbrechen der Sozialismus und seine Insignien sich immer noch einer gewisser Popularität erfreuen. Verwundert schreibt die Autorin, ein Hakenkreuz würde niemand auf dem T-Shirt tragen, Hammer und Sichel aber schon, obwohl unter diesen Symbolen erheblich mehr Menschen ermordet worden seien.In der Einleitung vollführt Applebaum einen Eiertanz um die Geschichte der Lager und um die Vergleichbarkeit von GULag und deutschem KZ-Lagerkomplex. Am Dogma der qualitativen Einzigartigkeit von Auschwitz hält sie fest. Sie meint, in den Lagern der SU seien Häftlinge weniger durch Sadismus/ Brutalität gequält worden, als durch Teilnahmslosigkeit des Wachpersonals. Ob das den zu Tode Gemarterten ein Trost war, ist zweifelhaft. Trotzdem kann sie nicht umhin, Ernst Nolte zu bestätigen, ohne ihn freilich zu erwähnen: vor Auschwitz war der GULag.Verdienstvoll ist zweierlei: einmal die Entlarvung der Legende, erst Stalin habe ein Terrorsystem errichtet. Sie zeigt auf, daß bereits Lenin die Einrichtung von Konzentrationslagern befahl und daß das Lagersystem nach Stalins Tod - im Umfang reduziert - weiterexistierte.Zweitens macht sie deutlich, wie viele unterschiedliche Lagertypen es gab: Arbeitslager, Straflager, Besserungslager, Frauenlager, Kinderlager, Transitlager, Kriegsgefangenenlager, Sonderlager, in denen Wissenschaftler unter komfortableren Bedingungen für den Sieg des Sozialismus schufteten.Vieles, was man hier liest, ist längst aus der Memoirenliteratur bekannt. Positiv ist, dieses Wissen in diesem spannend und flüssig geschriebenen Werk zusammengefaßt zu finden. Negativ anzumerken ist, daß Applebaum allzu sehr auf die Aussagekraft russischer Akten vertraut, wohlwissend, wie unzuverlässig die sowjetisch-russische Verwaltungsbürokratie ist.
Gulag als Wesensmerkmal des Kommunismus - Nicht überall, wo es Vernichtungslager und Gulags gibt, herrschen die Kommunisten, aber überall dort, wo die Kommunisten an die Macht kommen, kann man sich darauf verlassen, dass über kurz oder lang ein Gulag-System entsteht. Das ist in aller Kürze die Moral des vorliegenden Standardwerkes über den sowjetischen Gulag, jene neben den Nazi-KZs schrecklichste Vernichtungsinstitution der Menschheitsgeschichte. :In den Gulag kommt man nicht, weil man etwas getan hat, sondern weil man etwas ist., schreibt die Autorin und verdeutlicht damit das Monströs-Unentrinnbare, das dieses System anhaftete. Schon seit Lenin bedeutete das: ab in den Gulag weil man Adliger, Bürger, Kulak, Offizier, Pole oder Balte war - ganz gleich, was man getan hatte. Stalin hat diese Kategorie dann noch ins Absurde gesteigert: auf S. 135 des vorliegenden Buches ist eine Tabelle abgedruckt, in der für das Jahr 1937 genau definiert wurde, wielviel Menschen aus jeder Sowjetrepublik in den Gulag zu überführen seien - wo man sie sich herholte, war gleich. Sie wurden in der Straßenbahn, auf der Straße, in den Betrieben oder einfach nur deswegen verhaftet, weil sie einem Tschekisten über den Weg liefen. Deswegen kennt der sowjetische Gulag auch keine regelrechten Vernichtungslager wie etwa Auschwitz oder Treblinka, sie Kommunisten bevorzugten die hemmungslose Ausnutzung jeder Arbeitskraft bis an den Rande des Todes, und wenn die Häftlinge eines Lagers dann wirklich keine Hand vor Entkräftung mehr heben konnte, wurden sie einfach in Massenexekutionen erschossen. Wie viele erfroren sind, wie viele verhungert, erschlagen, totgeprügelt oder einfach nur bei Arbeitsunfällen ums Leben kamen, wird man nie erfahren. Sicher ist nur eines: es waren Millionen. Unter alle den schrecklichen und ergreifenden Geschichten, die das Buch nachzeichnet, gibt es eigentlich nur zwei erfreuliche: die erste ist natürlich die Aufhebung des Gulagsystems unter im Jahre 1987 unter dem neuen Generalsekretär Gorbatschow. Die zweite besteht in dem Umstand, dass am Ende der großen Säuberung in den Dreißiger Jahren die Henker des Gulags selbst entweder in den Gulag mussten oder erschossen wurden. Weniger erbaulich ist, dass nach der Meinung der Autorin eine Aufarbeitung dieser totalitären Gulag-Epoche bis heute in Russland unterblieben ist. Zu viele Menschen sind zu lange von dem System korrumpiert worden, als dass ein Interesse an einer Aufarbeitung bestehen könnte. Möglicherweise liegt in dieser moralischen Proletarisierung, mit der der Kommunismus die Völker unter seiner Herrschaft infiziert, eines der noch viel zu wenig beachteten Spätfolgen dieses totalitären Herrschaftsystems. Die weltanschauliche Einäugigkeit des Westens unterstützt diesen historischen Autismus leider auch noch in verhängnisvoller Weise. Die Autorin vermerkt mit Recht, wie sehr dem Philosophen Heidegger seine Parteinahme für die Nazis geschadet hat. Niemand aber käme auf die Idee, einen kritischen Blick auf Sarte zu werfen, der noch, als das Gulag System und der Sowjetterror europaweit bekannt war, das totalitäre Russland verteidigte.
Vom ersten bis zum letzten Kreis der Hölle. - An meinem ersten Arbeitstag 1970 in Berlin lernte ich einen jungen Kollegen kennen, der - zusammen mit seinen wolgadeutschen Eltern - seine gesamte Kindheit und Jugend im Gulag verbracht hatte. Äußerlich war der Kollege intakt, psychisch aber schwer geschädigt und wurde schließlich zum Mörder an einem alten Mann. Ähnlich verworrene Schicksale haben dann noch mehrfach meinen Weg gekreuzt. Immer drehten sich ihre Erinnerungen um das nackte Überleben in sowjetischen Lagern. Angefangen hatten diese Begegnungen schon um 1950, als in der sowjetischen Besatzungszone seit 1945 tot geglaubte Nachbarn wieder auftauchten und nicht erzählen durften, woher sie kamen. Sachsenhausen, sagte man, und hielt dabei die Hand vor den Mund. Oder Workuta. - Bisher kannte man nur subjektive Erlebnisberichte oder literarisch veredelte, wie Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch. Das Buch von Anne Applebaum ist die erste herausragende Darstellung des Gulag-Systems von einem eher übergeordneten Standpunkt aus. Die Verfasserin hat umfangreiche Materialien der sowjetischen Archive und die internen Berichte und Statistiken der Lager ausgewertet. Die Vielfältigkeit der möglichen Existenzen wird deutlich, von Dantes Hölle bei den Frauentransporten zur Kolyma bis zu durchaus erträglichen Lebensformen. Allein die Auswertung der Fluchtstatistiken und der Aufstände, das gäbe schon Stoff für mehrere Filme. Dabei hat die Verfasserin nicht alles erfassen können: Bei den Fluchtgeschichten vermißt man z.B. „Soweit die Füße tragen. - Aber erst mündlich weitergegebene Erfahrungen (noch leben ja Personen, die diese Lager überlebt haben), gedruckte subjektive Berichte - am besten ist wohl „Wieso lebst du noch? von Georg Hildebrandt - und Bücher von der Qualität wie dieses hier von Applebaum geben zusammen einen umfassenden Eindruck von dem, was die Kehrseite der sozialistischen Gemeinschaft in „Der Farm der Tiere war.